An dunkles Kapitel erinnert
Hirschberg extra vom 14. Mai 2008
Hirschberg. "Ich übergebe dieses Buch den Flammen." Derartige martialische Feuersprüche gab es am 10. Mai 1933 in fast allen größeren deutschen Städten zu hören, als Bücher öffentlich verbrannt wurden. Dabei handelte es sich um Bücher von Schriftstellern, die nach Meinung der "Deutschen Studentenschaft" und des "Nationalsozialistischen Studentenbundes" "undeutsches Gedankengut" verbreiteten. Diese Bücherverbrennung bildete den Höhepunkt der Kampagne "wider den deutschen Ungeist".
In der Gedenkveranstaltung in der Ehemaligen Synagoge erinnerten der Arbeitskreis Ehemalige Synagoge, die Gemeindebücherei, die Katholische Öffentliche Bücherei, das Lernzentrum Capito und die Martin-Stöhr-Schule an dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte. Drei Holzscheite in der Eingangstür, auf denen das Buch "Die verbrannten Dichter" von Jürgen Serke lag, symbolisierten diesen Gewaltakt.
Renate Rothe schilderte in ihrer Begrüßung zum 75. Jahrestag dieser Bücherverbrennung, dass es vereinzelt Widerstand gegeben habe. Zwar brannten in Berlin Tausende von Zentnern an Büchern so wie in anderen deutschen Städten, in Tübingen und Stuttgart hingegen wehrten sich die Studenten. "Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende Menschen", zitierte Rothe Heine. "Wie recht er hatte!", meinte sie nur angesichts der Vernichtung des geistigen Eigentums der Künstler. Manche wählten laut Rothe den Freitod, andere gerieten völlig in Vergessenheit. Damit dies nicht geschieht, wurden sieben Autoren und ihre nachdenklichen Gedichte oder Geschichten vorgestellt.
Matthias Stangl widmete sich im Gedicht "Das Führerproblem, genetisch betrachtet" Erich Kästner, der durch "Emil und die Detektive" berühmt wurde. 1933 wurde Kästner mit Publikationsverbot belegt. In "Barrikaden am Wedding" schildert der in Berlin geborene Klaus Neukrantz die Ereignisse um den 1. Mai 1929. Später wurde der KPD-Mann und revolutionäre Schriftsteller verhaftet. Mit seinem Schicksal befasste sich Sven Sasse-Rösch. Dr. Rainer Müller verlas ein Gedicht ,,An das Publikum", welches Kurt Tucholsky schrieb. 1935 nahm sich Tucholsky das Leben. Erich Mühsam galt als unermüdlicher Aktivist gegen die drohende Kriegsgefahr. Vermutlich wurde der Sohn jüdischer Eltern im KZ Oranienburg erschossen. Mit dem Gedicht "Kriegslied" rief Helga Klein diesen Mann in Erinnerung. Und Bürgermeister Manuel Just las aus dem Roman "Das Siebte Kreuz" der Jüdin Anna Seghers vor. Darin beschreibt sie die Flucht eines KZ -Häftlings und zeigt ein breites Spektrum der damaligen deutschen Gesellschaft. Michael Penk ging auf Franz Werfel ein, der 1890 in Prag als Sohn eines Handschuhfabrikanten geboren wurde und zum deutschböhmischen Judentum gehörte. In seinem Schlüsselroman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" schildert dieser das Schicksal von 5000 Armeniern, die vor der Verfolgung der Jungtürken auf den Berg Musa Dagh flüchteten. Dorothea Stier-Walz erinnerte im Gedicht von Bertold Brecht ,,An die Nachgeborenen" an den letzten "verbrannten" Dichter. 1933 verließ Brecht Deutschland und kehrte erst 1948 zurück. Viele Fragen taten sich angesichts der Bücherverbrennung 1933 auf. Jens Schlichting, der an diesem Abend jeweils ein Präludium von Julius Weißmann und Dimitri Schostakowitsch spielte, machte sich seine eigenen Gedanken dazu und komponierte das Klavierstück mit dem tiefsinnigen Titel "Questions".

