Mit ernsten Themen gut unterhalten

Rhein-Neckar-Zeitung, 12./13. Mai 2007

Am 74. Jahrestag der Bücherverbrennung fanden in der alten Synagoge drei Lesungen statt (von Karin Katzenberger-Ruf)

Hirschberg. „Stellen Sie sich vor, Sie gehen in die Gemeindebücherei uns das Buch, das Sie ausleihen wollen, ist aus dem Sortiment genommen. Oder Sie wollen sich ein CD kaufen, aber der Komponist ist verboten. Sie suchen im Museum nach Ihrem Lieblingsmaler und finden dort, wo seine Werke hingen, nur noch leere Wände...“ In unserer Zeit ist so etwas kaum vorstellbar. Doch Pfarrerin Sigrid Zweygart-Pérez macht gegenwärtig, was „entartete Kunst“ während der Nazi-Herrschaft bedeutete. Demnach änderte sich das kulturelle Lebens schon ein halbes Jahr nach der Machtergreifung Adolf Hitlers radikal. „Da wird deutlich, wie hirnverbrannt die Nazis waren“, so die Pfarrerin.

Am 10. Mai jährte sich die Bücherverbrennung zum 74. Mal. Auch wenn dies fast ein Menschenleben her ist: Vergessen darf man ein Ereignis, das den Anfang der Judenverfolgung markiert, nicht. Das fand auch Matthias Stangl. Der Inhaber des „Lernzentrum CAPiTO“ regte an, einige Gedenkveranstaltungen zu organisieren. Damit traf er beim Arbeitskreis „Ehemalige Synagoge“ auf offene Ohren. Auch die Grund- und Hauptschule Hirschbergs begeisterten sich für die Sache.

Also trafen sich die Kinder und Jugendliche in der Synagoge. Klar, dass dabei Erich Kästner nicht zu kurz kam. Am Abend waren dann die Erwachsenen dran. Nur schade, dass die Veranstaltung nicht besser besucht war. „Niemand wird demoralisiert hier rausgehen“, versprach Sigrid Zweygart-Pérez zu Beginn. Tatsächlich war es trotz des ernsten Themas ein vergnüglicher Abend. Was unter anderem wieder an Erich Kästner lag.

Wie trefflich hat er in einem seiner Gedichte „Die Entwicklung der Menschheit“ beschrieben. Demnach bleibt der Mensch den „Flöhen entflohen“ halt doch ein Affe. Auch wenn er nicht mehr auf Bäumen sitzt, sondern im Büro...

Doch der Reihe nach: Das sind zunächst einmal jene zu erwähnen, die mit beachtlichen Vorlese-Qualitäten den Abend gestalten: Neben Zweygart-Perez und Stangl sind dies Renate Rothe, Helga Klein, Dorothée Stotz-von-der-Heide, Michael Penk und Sven Sasse-Rösch. Der Mann am Klavier ist Jens Schlichting.

Zum Auftakt spielt der Pianist einen beschwingten amerikanischen Schlager, zum Abschluss einen Titel der „Comedian Harmonists“, deren Karriere die Nazis jäh beendeten. Und doch blieb das Vermächtnis der Musiker. „Irgendwo auf der Welt gibt’s immer ein kleines bisschen Glück.“ Die Melodie geht unter die Haut. Wie so manches am Donnerstagabend. Im Eingangsbereich der Alten Synagoge haben die Veranstalter einen verbrannten Holzscheit drapiert und drumherum Bücher von verbotenen Schriftstellern. Auch Heinrich Heine (1797-1858) ist dabei.

Auch Alfred Henschke alias „Klabund“ (1890-1928) erlebt die Nazi-Zeit nicht mehr. Und doch lässt sich seine „Ballade des Vergessens“, das den ersten Weltkrieg beschreibt (bei dem nicht mehr Mann gegen Mann, sondern Gefahr durch „Gift und Gas“ droht) übertragen auf das, was etwa zwei Jahrzehnte später kommen soll. Der Soldat auf Heimaturlaub bei seiner Mutter: Auch Erich Maria Remarque beschreibt in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“, wie sich ein 17-Jähriger als Soldat in den Jahren 1914 bis 1918 fühlt.

Und dann sind die Visionen eines Ernst Toller, der schon 1920 schrieb: „Alle Zeichen deuten auf eine militärische Diktatur“ und zehn Jahre später wusste: „Die Katastrophe ist unabwendbar.“ Bei der Lesung ist einiges über die Biographie der Schriftsteller zu erfahren. „Lasst euch nicht verführen“, mahnte schon früh Berthold Brecht, der 1932 ins Exil ging, aber zurückkam und später bis zu seinem Tod 1956 Leiter des Deutschen Theaters in Ostberlin war.

Nochmals zu Erich Kästner: Der war bei der Bücherverbrennung in Berlin persönlich anwesend, beschrieb diese später als „theatralische Frechheit“. Ein Film dokumentiert in der alten Synagoge das Geschehene.

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